„Wie mach ichs Weihnachten?“
Kategorie: Alltag & Kindheit
Trennungskinder hätten sich WM gewünscht
Heute Mama, morgen Papa – Der Streit ums Wechselmodell
03.07.2019 Exakt – die Story ∙ MDR Fernsehen
Verdrehung der Tatsachen
Wo fängt Entfremdung an?
Meine Tochter kam das letzte Mal zu unserem zweiwöchigen Rhythmus – wieder einmal – mit dem Kopf voller Läuse und Nissen zurück. Innerhalb von drei (Grundschul-)Jahren war das nun schon das vierte oder fünfte Mal, dass sie vom Vater so zurückkam. (Stellen Sie sich „vom Vater“ bitte unterstrichen vor.)
Kann ja sein. Ist auch so. Das ist kein Vorwurf. Es ist nur äußerst unglücklich, dass wir ein Kind haben, das diese sch… Viecher scheinbar magisch anzieht. Matilda hat viiiieeele, lange, wunderschöne braune Haare. Der Vorteil von langen Haaren ist, dass man sie gut zusammenbinden kann – was ich in den typischen Läuse-Hoch-Saison-Zeiten (nach den zweiwöchigen Ferien und in der Mützen-Saison) auch mache. Ich flechte ihr einen Zopf – unter Gemaule und Genöle – und sprühe ihn mit Ungeziefer-Abwehrspray ein. Nein, nicht bio und nicht vegan. Oder doch? Keine Ahnung. Mein Sarkasmus dient hier vor allem dazu, meiner Realität und meiner Wut Ausdruck zu verleihen. Also bitte keine Diskriminierung von Veganern … oder egal.
Warum Matilda aber jedes Mal bei Kopflausbefall direkt vom Vater kommt, weiß ich nicht. Gucken Männer nicht so genau? Eigentlich dürfte ich dieses „typisch Mann“-Klischee nicht gelten lassen, denn schließlich ist er so korrekt, überpenibel und, in seinen Augen, die „beste Mutter unter allen Vätern“.
Die Entlausung – ein Höllenritt
Dieses Mal schrieb ich dem Kindsvater eine E-Mail. Der Inhalt war eine Zusammenfassung dessen, was ich ihm schon beim letzten Mal persönlich gesagt hatte: Ich mache diese Entlausungsprozedur nicht mehr.
Wenn es passiert, sitze ich mit Matilda am Tag der Katastrophe zwei bis drei Stunden im Bad und suche jedes einzelne Haar ab. Ich schwöre: JEDES! Finde ich eine Nisse, ziehe ich das ganze Haar heraus. (Noch hat sie genug davon – jedes gezogene Haar ist ein Lause-Eier-Ablegeort weniger bei der nächsten Invasion.) Matilda hat so viel (und so wunderschönes) Haar – warm-braun-rot schimmernd, wie es leider oder zum Glück von mir und dem Vater geerbt wurde.
Ich finde es nur fair, dass ER beim nächsten Mal die Entlausung übernimmt.
Der Frust sitzt tief
Wenn ich meiner Familie oder unserer befreundeten Friseurin schreibe: „Frag nicht, was wieder passiert ist“, wissen allesofort Bescheid. Und dann habe ich nie etwas Hochprozentiges im Haus, um mir die Laus von der Kopfhaut zu trinken. Nein, ich muss da durch. Matilda und ich müssen da durch. Über eine Woche lang suchen wir jeden Tag ihren Kopf ab, kippen Chemie drauf (Nyda und Co.) und suchen weiter.
ES. IST. DIE. HÖLLE.
Das Schlimmste: Ich muss mich ebenfalls behandeln. In den Stunden nach der Übergabe haben Matilda und ich gekuschelt, geschmust, zusammen auf dem Sofa gelegen – oder schon eine Nacht zusammen im Bett geschlafen.
Die E-Mail an den Kindsvater
Also schrieb ich eine E-Mail – adressiert an den Kindsvater und seine Freundin, in Kopie ans Jugendamt. Vorher hatte ich mich telefonisch beim Jugendamt erkundigt, wie ich mich in solch einem Fall verhalten darf. Die E-Mail hatte rein informativen Charakter, keine Unterstellungen, keine Verurteilungen.
Ich teilte mit, dass ich Matilda beim nächsten Kopflausbefall an den Vater zurücksenden werde, damit er die gesamte Prozedur übernimmt. Es kostet Zeit! Nerven! Geld! Und ich bin durch.
Ich möchte nicht mehr, dass unsere wertvolle gemeinsame Zeit mit dieser nervenaufreibenden Arbeit gefüllt wird. Ich will, dass Matilda und ich schöne Stunden miteinander verbringen – und nicht Stunden voller Tränen, Chemikalien und Entbehrungen:
- Keine Unternehmungen mit Freunden
- Keine Freizeit
- Stattdessen Wäsche waschen, Kuscheltiere eintüten und einfrieren
Und ja: Ich habe es satt, immer diejenige zu sein, die die Drecksarbeit erledigt.
Die Reaktion des Ex und der Next
Matilda erzählte mir heute – nach dem Übergabemontag (übrigens frei von Läusen und Nissen, Applaus!) –, dass die Next zu ihr gesagt hat:
„Wenn du das nächste Mal Läuse hast, will dich deine Mama nicht mehr haben.“
Ich dachte bis zu diesem Zeitpunkt, dass die Next die einzig Vernünftige in dieser Nachtrennungs-Konstellation sei. Doch auch der Ex schlug in die gleiche Kerbe:
„Deine Mama will dich nicht. Aber wir würden uns freuen, wenn du dann noch länger bei uns bleibst.“
Meine Tochter sagte zu mir, es klang so wie: „Wie kann man als Mutter sagen, dass man das eigene Kind nicht mehr haben will?!“
Wie soll ich da als Mama reagieren?
Ich liebe meine Tochter über ALLES! Und ich liebe sie mit Läusen! Mit eiternden Pickeln! Mit Wutausbrüchen! Mit Hausaufgabendramen! Mit übertriebenen Szenarien! Mit unlustigen Witzen! Mit Essensnörgeleien! Mit Lügen! Mit Flunkern! Mit Ausreden!
Meine Liebe ist allumfassend. Und sie weiß das! Und ich dachte, sie spürt das. Ich sage es ihr. Ich zeige es ihr.
Und doch fragt sie: „Mama wirklich?“
Und es bricht mir das Herz!
„JA, mein Mädchen! Wirklich!“
Über das Vermissen
Vermissen ist normal
„Über das Vermissen“ weiterlesenZwei Wochen Mama & zwei Wochen Papa
Zwei Welten – ein Zuhause?
Wenn Matilda zwei Wochen bei mir ist, fühlt sich alles „ganz“ an. Ihr Kinderzimmer lebt auf, die Wäschekörbe füllen sich, der Tisch ist gedeckt, und das Leben ist bunt und laut. Wir lachen, wir reden, wir kuscheln – und alles dreht sich um uns.
Und dann kommt der Montag, an dem sie zu ihrem Vater wechselt. Das Haus wird still. Ihr Kinderzimmer verwaist, der Tisch bleibt leer, und die Wohnung scheint ein bisschen an Farbe zu verlieren. Es fühlt sich an, als würde ein Stück von mir selbst mit ihr gehen.
Doch ich weiß auch: Bei ihrem Vater erlebt sie genauso schöne Momente. Sie lacht, sie spielt, sie wächst. Und genau darum geht es im Wechselmodell: Zwei Welten zu schaffen, in denen das Kind gleichwertig geliebt, unterstützt und umsorgt wird.
Unsere Anfänge mit 70:30
Anfangs hat der Vater versucht, einem geregelten Umgang für unser Kind Steine in den Weg zu legen. Sein Ziel war es, das 70/30-Modell als ein „Wechselmodell“ zu deklarieren, um auch die Hälfte des Kindergeldes beanspruchen zu können.
Unser Zwei-Wochen-Rhythmus war kompliziert: Meine Tochter war zu 70 % bei mir, und wir hatten unter der Woche regelmäßige Wechsel sowie jedes zweite Wochenende. Doch ich merkte schnell, dass dieses ständige Hin und Her unserer Kleinen nicht guttat.
Die Umstellung auf das „richtige“ Wechselmodell
Aus diesem Grund – und aus weiteren persönlichen Überlegungen – haben wir Anfang 2018 ein „richtiges“ Wechselmodell eingeführt: 50/50. Zwei Wochen Mama, zwei Wochen Papa.
Die Umstellung war für mich anfangs heftig, doch für meine Tochter stellte sich das neue Modell als deutlich besser heraus.
Jetzt gibt es nur noch einmal im Monat den abendlichen Abschiedsschmerz mit Tränen und Umarmungen – und auch das ist okay. Schließlich gibt es diesen Abschiedsschmerz ebenso, wenn sie nach zwei Wochen wieder zu mir zurückkehrt.
Ein Kind – zwei Welten
Nun pendelt meine Tochter alle zwei Wochen in eine komplett andere Familie – in eine andere Welt.
Hier auf dem Blog teile ich die Stimmungen, Alltagssituationen und Herausforderungen, die ich als Alleinerziehende – pardon, „getrennt Erziehende“ – erlebe.
An meiner Seite ist meine Achtjährige, die jeden Tag aufs Neue zeigt, wie stark und anpassungsfähig Kinder sein können.
Die Vorteile des Wechselmodells
- Zeit mit beiden Eltern:
Matilda hat zu uns beiden eine enge Beziehung. Sie erlebt uns in unserem Alltag, in unseren Höhen und Tiefen, in all unseren Facetten. - Gleichberechtigung:
Beide Eltern sind gleichermaßen für die Erziehung und das Wohl des Kindes verantwortlich. Es gibt kein „Haupt-Elternteil“ und keinen „Besuchselternteil“. - Unabhängigkeit für Eltern:
Ich habe Zeit, um durchzuatmen, um Kraft zu tanken, um auch mal nur „ich“ zu sein. Und der Kindsvater hat die gleiche Verantwortung und Fürsorgepflicht.
Die Herausforderungen des Modells
Doch das Wechselmodell ist auch anstrengend:
- Das ständige Vermissen:
Zwei Wochen ohne Matilda fühlen sich manchmal wie eine kleine Ewigkeit an. Der Alltag ist ruhiger, ja – aber auch leerer. - Der organisatorische Aufwand:
Beide Eltern müssen sich gut abstimmen, was Schule, Arzttermine, Hobbys und andere Verpflichtungen betrifft. Alles doppelt und parallel zu managen, ist nicht immer leicht. - Die emotionale Belastung:
Der Abschied tut immer wieder weh. Und es gibt Tage, an denen ich mich frage, ob es für Matilda zu viel ist, zwischen zwei Welten zu wechseln.
Wie geht es Matilda damit?
Ich habe oft das Gefühl, dass Matilda stärker und unabhängiger geworden ist durch dieses Modell. Sie liebt ihren Vater und sie liebt mich. Sie freut sich auf die Zeit mit uns beiden – und sie weiß, dass sie in beiden Welten sicher und geliebt ist.
Doch ich sehe auch die Schattenseiten. Das ständige Packen und Wechseln ist für sie manchmal anstrengend. Sie muss sich alle zwei Wochen neu orientieren, von einer Welt in die andere springen. Es ist nicht immer einfach, in zwei Zuhause zu leben.
Was habe ich gelernt?
Zwei Wochen Mama, zwei Wochen Papa – das bedeutet nicht nur ein Wechsel der Orte, sondern auch ein Wechsel der Gefühle. Es ist ein Modell, das auf Vertrauen basiert:
- Vertrauen in das Kind, dass es diese Herausforderung meistern kann.
- Vertrauen in den anderen Elternteil, dass er sich genauso liebevoll kümmert.
- Vertrauen in sich selbst, dass man loslassen und dennoch Halt geben kann.
Ich habe gelernt, dass ich Matilda loslassen kann, ohne die Bindung zu verlieren. Ich habe gelernt, dass meine Liebe zu ihr unabhängig davon ist, wo sie gerade ist.
Fazit
Das Wechselmodell ist nicht perfekt – kein Modell ist das. Aber es gibt uns die Möglichkeit, als Eltern auf Augenhöhe für Matilda da zu sein. Und es gibt Matilda die Chance, beide Welten zu erleben, zu lieben und darin zu wachsen.
Manchmal tut es weh. Manchmal ist es schwer. Aber wenn ich sehe, wie Matilda lacht, wie sie aufblüht und sich sicher fühlt, weiß ich: Wir haben die richtige Entscheidung getroffen.
Denn letztlich geht es nicht darum, wie viel Zeit sie bei Mama oder Papa verbringt. Es geht darum, dass sie sich in beiden Welten geliebt und geborgen fühlt – und dass sie die Freiheit hat, beide Eltern aus vollem Herzen zu lieben.




