Über das Vermissen

Vermissen ist normal

Diese Woche wurde ich als Vertreterin des Wechselmodells in den sozialen Medien ziemlich zerpflückt.

Vorwürfe per Ferndiagnose waren:

  1. Innere Zerrissenheit des Kindes
  2. Schaden am Kind
  3. Das Kind als Möbelstück
  4. Kindeswohldienlichkeit nicht vorhanden

Und ich würde das Wechselmodell nur eingehen, da es mir die wenigsten Konflikte mit dem Kindsvater beschert und ich würde mir alles schön reden.

Ich möchte mich in diesem Blogbeitrag nicht rechtfertigen. Denn gegen jemanden anzureden, der eine feste Überzeugung von etwas hat, bringt nicht viel. Jeder darf über das Wechselmodell denken was er will.

Vielmehr möchte ich was zum Thema Vermissen schreiben.

Stellt euch vor ihr seid im Urlaub. Weg vom Alltag. Sonne, Meer oder Berge und euch gehts grad richtig gut. Und ihr wisst, dass ihr morgen wieder nach Hause fahrt. Obwohl ihr gern zuhause seid und euch darauf freut, könntet ihr gerne noch eine Woche Urlaub dranhängen. Kennt ihr das? Also ich auf jeden Fall! So geht es mir auch, wenn ich zu Besuch bei lieben und vertrauten Menschen bin oder bei meinem Papa in meiner Heimat. Ich freue mich auf mein Zuhause aber bin traurig, dass die Abreise naht.

Warum sollte man diese Empfindungen und Gedanken und Wünsche nicht auch dem Kind zugestehen? Wenn wir am letzten Abend im Bett kuscheln und ihr die Tränen kommen und sie sagt, sie würde gern noch da bleiben und hätte am liebsten 3 Wochen Mama und 1 Woche Papa. Dieser Wunsch entsteht in diesem Moment, weil er so bedeutungsschwanger ist. Weil er pure Nähe ist, weil es einfach richtig schön ist.

Frage ich meine Tochter an einem anderen Tag während sie die zwei Wochen bei mir ist, wie es ihr mit dem Wechselmodell geht, dann bekomm ich zur Antwort „gut“. Und ich glaube ihr das, denn das ist es auch was ich erlebe. Was ihr Vater erlebt, was das Umfeld wahrnimmt, was ihre Psychologin sagt. Matilda geht es gut mit dieser Lösung.

Wenn sie bei mir ist, vermisst sie ab und zu den Papa. Wenn sie beim Papa ist, vermisst sie mich. Matilda vermisst auch ihren Opa und die Stallhasen und ich vermisse meinen Papa auch, den wir viel zu selten besuchen, weil zu weit weg. Zu wenig Geld. Zu wenig Zeit. Ich vermisse meinen Freund, weil noch weiter weg und zu wenig Geld und zu wenig Zeit. Ich vermisse den Sommer, weil jedes Jahr nur zu kurz da. Und meine beste Freundin vermisse ich auch.

Menschen vermissen nun mal. Sie sehnen sich nach etwas, was gerade nicht da ist, einfach weil sie auch gerne daran denken. An etwas Schönes und schöne erlebte Momente. Auch Vorfreude lässt uns vermissen.

Wenn der Papa zu Matilda sagt: „Ich habe eine große Überraschung für dich, wenn du wieder kommst.“ Natürlich hibbelt sie dann dem Moment entgegen. Ich bewerte dies nicht als Taktik, obwohl ich ihm das schon unterstellen könnte. Aber sagt in einer „intakten“ Familie nicht auch der Vater wenn er auf Geschäftsreise ist, dass er eine Überraschung fürs Kind hat, wenn er wieder kommt? Was ist falsch daran, wenn Kinder sich auf etwas freuen?

Und nein! Ich rede mir das nicht schön. Ich kenne meine Tochter. Wir haben tatsächlich eine sehr gute Bindung zueinander. Wir lieben und vertrauen uns. Und es ist ein großer Vertrauensbeweis, dass sie bei mir ihren Vater vermissen darf.

Dieses Verhalten ist psychisch gesund!

Und ich vermisse Matilda wenn sie die zwei Wochen bei ihrem Papa ist! Doch ich weiß, dass es ihr dort gut geht. Wir haben per Handy täglich Whats App Kontakt und telefonieren zur Halbzeit.

Wenn wir Kindern das Gefühl mitgeben: „Ja Schatz, ich werde dich vermissen. Aber ich weiß, dass du eine schöne Zeit hast und uns beiden wird es gut gehen bis wir wieder zusammen sind.“ Dann bekommen auch Kinder ein gutes Gefühl und sie bekommen die Erlaubnis sich wohlzufühlen. So groß kann meine Wut auf den Ex gar nicht sein, dass ich das meiner Tochter mies machen würde. Schlimmer noch ein schlechtes Gewissen, wenn sie bei ihm ist und sich darauf freut. Das wäre Folter am Kind.

Nicht die Trennung und der Wechsel sind schädlich, sondern wenn wir als Eltern schuldbehaftet und vorwurfsvoll damit umgehen. 

 

 

 

Published by

2 Antworten auf „Über das Vermissen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: