W wie Weihnachten & Wechselmodell

„Wie mach ichs Weihnachten?“

Nur noch knapp vier Wochen, und der wohl emotional aufgeladenste Tag des Jahres steht vor der Tür: Heiligabend.

Wer eine Familie hat, steht jedes Jahr vor der Herausforderung, das Weihnachtsfest gerecht unter den Verwandten aufzuteilen. Familiäre Traditionen werden beibehalten oder bewusst gebrochen, sobald eigener Nachwuchs da ist.

Emotionale Eskalationsstufe 1: Wenn Oma und Opa alleine in der Ferne Weihnachten feiern müssen, mildern Schuldgefühle die Situation durch Postkarten und Päckchen mit selbstgebackenen Plätzchen, Rooibostee und Melissengeist.

Emotionale Eskalationsstufe 2: Den eigenen Eltern räumt man höchstens zum 1. oder 2. Weihnachtsfeiertag eine Audienz ein. Unausgesprochene Enttäuschungen legen sich auf Heiligabend, den man nur mit den Kindern und dem Partner verbringt. Schlimmer noch, wenn man ihn mit den Schwiegereltern verbringt.

Emotionale Eskalationsstufe 3: (Frisch) getrennte Eltern! Sie wollen vor allem den Kindern gerecht werden, und das vermeintliche Fest der Liebe und Familie wird zum Horrorszenario.

Unser erstes Weihnachten nach der Trennung

Im Jahr 2015 stand unser erstes Weihnachten nach der Trennung bevor, und die große Frage lautete: Wie machen wir es?

Da meine Tochter 10 Tage vor Heiligabend Geburtstag hat, bot sich die Gelegenheit, auszutesten, ob wir als Eltern ein halbes Jahr nach der Trennung in der Lage waren, ein paar Stunden miteinander auszukommen – nur weil Matilda es sich so sehr wünschte.

Damals lebten wir noch im Residenzmodell mit einer Aufteilung von 70/30, was bedeutete, dass ich den Großteil der Betreuungszeit hatte. In der Adventszeit liefen wir uns ständig über den Weg: Martinsumzug, Kindergarten-Weihnachtsfeier, Adventsbasar oder Gottesdienst. Es war schrecklich. Jede dieser Veranstaltungen erinnerte mich schmerzlich daran, dass ich die „heilige Familie“ versaut hatte.

Der 6. Geburtstag: Ein Testlauf

Den 6. Geburtstag von Matilda feierten wir zu dritt in meiner Wohnung. Es gab Kaffee, Kuchen und jede Menge Geschenke. Matilda strahlte – bis die Geschenke ausgepackt und die Fotos gemacht waren. Danach wurde es eine Katastrophe:

  • Matilda spürte die Anspannung: Sie nahm unsere Unsicherheit wahr und versuchte verzweifelt, Harmonie herzustellen. Doch daran konnte sie nur scheitern.
  • Ungeteilte Aufmerksamkeit fehlte: Nach der Trennung war sie gewohnt, dass jeder Elternteil seinen vollen Fokus auf sie legte. Nun sprachen Mama und Papa miteinander – und sie reagierte mit Eifersucht, indem sie jedes Gespräch störte.
  • Wir waren nicht authentisch: Unser Versuch, ihr eine „schöne Zeit vorzutäuschen“, war durchschaubar. Matilda spürte, dass wir uns verstellt hatten.

Fazit: Matilda hat uns gespiegelt. So fremd wie wir uns selbst vorkamen, so fremd wirkte unser Verhalten auf sie.


Heiligabend: Die Entscheidung

Nach diesem Erlebnis entschieden wir uns, Heiligabend nicht zusammen zu feiern, obwohl es Matildas Wunsch war. Mein Ex bekam den Vorzug, und ich übernahm ab dem Nachmittag des 1. Weihnachtsfeiertags.

Ich erklärte Matilda, dass Mama und Papa noch nicht bereit seien, gemeinsam Weihnachten zu feiern, und dass wir ihren Geburtstag schon „vermasselt“ hätten. Sie verstand es – auch wenn sie traurig war.

Rückblickend war es die richtige Entscheidung. Wir haben das „Allgemeinwohl“ über den Wunsch des Kindes gestellt. Denn:

  • Kinder brauchen unbeschwerte Erinnerungen. Ein gemeinsames Weihnachten in angespannter Atmosphäre hätte mehr Schaden angerichtet als Freude bereitet.
  • Kinder lernen Gerechtigkeit: Ich erklärte ihr, dass wir im nächsten Jahr die Feiertage tauschen würden, sodass beide Eltern die Möglichkeit hätten, Weihnachten mit ihr zu verbringen.

Denn: Weihnachten ist mehr als nur ein Tag. Außerdem ist Weihnachten nicht nur Heiligabend.

Weihnachten mit Kindern bedeutet, zusammen:

  • Plätzchen backen
  • Weihnachtskarten basteln
  • Wunschzettel bekleben
  • Wohnung schmücken
  • Weihnachtslieder singen
  • Geschenke basteln
  • Märchenfilme schauen

All diese Dinge schaffen Erinnerungen, die weit über Heiligabend hinausgehen und eine wunderschöne Kindheit prägen können.

Self-Care statt Einsamkeit

Diese Regelung erlaubt es mir, den kindlosen Heiligabend nicht mit einer Flasche Rotwein und alten Fotoalben zu verbringen. Stattdessen besuche ich Familie oder Freunde, die mich auffangen und ablenken. So schaffe ich mir eigene schöne Erinnerungen.

Wie machen es andere Trennungseltern?

Eine von mir gestartete Twitter-Umfrage ergab folgende Verteilung:

  • 50 % der Familien teilen die Weihnachtsfeiertage auf.
  • 25 % feiern freiwillig zusammen, den Kindern zuliebe – meine Hochachtung an dieser Stelle!
  • 25 % wechseln jährlich die Feiertage, so wie wir es tun.
  • Ein Bruchteil feiert unfreiwillig zusammen.

In unserem Fall haben wir uns darauf geeinigt, die Feiertage nicht mehr aufzuteilen. Wer Matilda an Weihnachten hat, übernimmt im Gegenzug Silvester und Ostern. Das Jahr darauf wird getauscht.


Ein berührendes Beispiel

Eine Antwort aus der Twitter-Umfrage hat mich besonders bewegt. Ein Vater, der kein Wechselmodell mit seinem Sohn hat und dessen Ex-Partnerin ein gemeinsames Weihnachten ablehnt. Mit seiner Erlaubnis durfte ich ihn zitieren:

„Die Kindsmutter ist dagegen! Trotzdem gehe ich jedes Jahr mit meinem Sohn Mitte Dezember einen Christbaum kaufen. Jedes Jahr freut er sich darauf. Das wird er nie vergessen!“

Dieser Satz zeigt, dass es nicht immer der Heiligabend selbst ist, der zählt, sondern die kleinen Rituale, die wir mit unseren Kindern schaffen.


Fazit

Als Trennungseltern können wir nicht jeden Wunsch unserer Kinder erfüllen, auch wenn es uns das Herz bricht. Doch wir können ihnen ein Gefühl von Sicherheit, Gerechtigkeit und Freude schenken – auch wenn Weihnachten getrennt gefeiert wird. Wichtig ist, dass wir authentisch sind und unseren Kindern die bestmögliche Erfahrung bieten, ohne uns oder sie dabei zu überfordern.

Ein Kommentar zu „W wie Weihnachten & Wechselmodell

  1. als meine tochter und schwieso sich vor drei jahren trennten, hatte ich ungute gefühle. meine eigenen scheidungen standen mir vor augen und das, was es mit den kindern gemacht hat. ungefähr ein jahr dauerte es, bis sich die verhältnisse des vaters (wohnung etc.) soweit geklärt hatten, dass normalität möglich war.
    seitdem leben sie das wechselmodell in seiner besten weise. mein enkel wechselt alle zwei tage, was für jederman erst einmal stressig klingt, aber angesichts der geringen entfernung (beide wohnen nur wenige hundert meter voneinander entfernt und alles, was „vergessen“ wurde, lässt sich unproblematisch regulieren) ist das keine schwierigkeit. sie sprechen sich ab, sind gegeneinander großzügig, wenn termine kippen und das kind (inzwischen 13) fühlt sich sicher und stabil. die lebensgefährtin von schwieso ist im notfall auch an bord.
    alles gut. so gut, dass in diesem jahr (so lange warteten sie, um den kind letzte sicherheit zu geben) die scheidungsrichterin auch begeistert war.
    und ich … bin stolz auf die beiden.

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